Abgerichtet zur Tötungsmaschine

von Oliver Kuhn (2007)

über Ishmael Beah, Autor des Buches „Rückkehr ins Leben“ (A Long Way Gone: Memoirs of a Boy Soldier, 2007), der als Kindersoldat in Sierra Leone kämpfte, später in einer Einrichtung für ehemalige Kindersoldaten unterkam und ein neues Leben in den USA begann.

Traumatisiert: die traurige Biografie eines Kindersoldaten

Ishmael Beah tötete im Bürgerkrieg Hunderte Rebellen. Da war er noch ein Kind. Erstmals erzählt er jetzt, wie er in Sierra Leone zu einer Tötungsmaschine abgerichtet wurde. Der Truppenführer reckt die Faust in die Luft. „Stopp!“ Reglos verharren die Kinder auf dem matschigen Boden des Sumpfs. Sie halten die Luft an, aus Angst, die Rebellen könnten ihren Atem hören. Jeder Laut kann den Tod bringen. Josiah zittert. Der Elfjährige kann sein Sturmgewehr kaum heben. Die automatische AK-47 ist fast so groß wie er selbst. Er versteckt sich hinter seinem älteren Freund Ishmael.

Süßlich-lauwarmer Geschmack

Über den Wipfeln ist Ruh. Sogar die Vögel schweigen. Drüben knacken ein paar Zweige. Die Rebellen kommen. Man kann sie nicht sehen. Aber spüren. Plötzlich stürzen sie aus dem Unterholz. Ishmael trifft einen Kämpfer aus nächster Nähe. Ein Schwall Blut spritzt aus der Wunde. In der Hektik hat Ishmael vergessen, den Mund zu schließen, und hat jetzt einen süßlich-lauwarmen Geschmack im Mund. „Maaaaamaaaa“, brüllt Josiah schmerzerfüllt hinter ihm.

Josiah will noch etwas sagen, aber er bewegt nur tonlos die Lippen. Eine Granate hat ihn getroffen und auf einen Baumstumpf geworfen. Tränen tropfen aus seinen Augen, langsam färben sich seine Augäpfel rot. Ishmael packt seine Waffe und stürzt sich zurück ins Gefecht. Als er nach Stunden zurückkehrt, haben die Insekten schon begonnen, an der Leiche seines Freundes zu fressen. Er wundert sich, dass er keine Angst hat vor dem leblosen Körper. Ishmael nimmt ihm Waffe und Munition ab. Josiah hat seinen ersten Tag an der Front nicht überlebt.

“Brown Brown“ zur Verdrängung

Spätabends erreicht Ishmael das Lager. Er wäscht das Blut von seiner Waffe und ölt die Kammern. Er trinkt Wasser und fühlt sich leer. Er kriecht in sein Zelt, das er bis gestern mit Josiah geteilt hat. Er raucht Marihuana und schnieft „Brown Brown“ — eine Mischung aus Kokain und Schießpulver. Damit wird das Verdrängen einfacher. Am nächsten Morgen zieht er wieder in den Kampf.

Es war ungefähr ein Jahr zuvor, als der Krieg völlig unvermittelt in das Leben des kleinen Ishmael kam. Der Zwölfjährige saß daheim auf der Veranda, in einem kleinen Dorf des westafrikanischen Landes Sierra Leone. Unter Mangobäumen lauschte er wie jeden Abend einer Geschichte seiner Großmutter.

Am nächsten Morgen ist er mit seinem großen Bruder Junior zu einem Tanzwettbewerb ins Nachbardorf spaziert. Sie ahnen nicht, dass sie ihr Zuhause verlassen, um nie wieder dorthin zurückzukehren.

Die Kugel blieb im Baby stecken

Im Nachbardorf wankt ihnen eine lebende Warnung entgegen. Auf die Brust des Mannes haben Rebellen mit einem heißen Bajonett die Initialen „RUF“ (Revolutionary United Front) geritzt. Sie haben ihm alle Finger abgehackt außer die Daumen. „One Love“ nennen die Aufrührer diese Art der Verstümmelung, weil sich die Leute in Sierra Leone grüßen, indem sie die Daumen recken und rufen: „One Love“.

Die Rebellen wollen Anfang der 90er-Jahre den schwachen Präsidenten Joseph Saidu Momoh stürzen. Von Liberia aus fallen sie in das wehrlose Land ein. Im Nachbarort sieht Ishmael eine flüchtende Frau, die ihr Baby auf dem Rücken trägt. Sie haben von hinten auf sie geschossen. Die Kugel blieb im Baby stecken. Das tote Kind rettet ihr Leben. „Welche Freiheitskämpfer sind das, die Unschuldige ermorden?“, fragt er sich. Der Weg zurück in sein Heimatdorf ist zu gefährlich, er flüchtet in die Wälder.

Noch heute ist unklar, warum der Bürgerkrieg in Sierra Leone so unglaublich brutal geführt wird. Bei einer Lebenserwartung von nur 26 Jahren sind die meisten Kämpfer junge Erwachsene. „Es ist ein Krieg, in dem alle Maßstäbe der Menschlichkeit abhanden gekommen sind“, sagen Beobachter von Amnesty International.

Hunde zerren an totem Priester

Der Wind verteilt das Klagen der Sterbenden übers Land. Die Fliegen sind so enthusiastisch, dass sie in den Blutlachen ersaufen. Wenig später, während eines überraschenden Angriffs auf das Dorf Kamator flüchten alle wild durcheinander. Ishmael verliert auch seinen Bruder. Der Einzige, der im Dorf ausharrt, ist der Imam, der sein Gebet nicht unterbrechen will. Als Ishmael am nächsten Morgen verängstigt zurückkehrt, kämpfen zwei Hunde um den leblosen Priester. Ein Hund zerrt am Arm, der andere am Bein.

Eine unheimliche Stille liegt über dem Ort. Nur die Wellblechdächer klappern. Ishmael packt so viele Orangen ein, wie er tragen kann, und rennt. Allein ist es noch unerträglicher. Manchmal rennt er stundenlang panisch vor seinem eigenen Schatten davon. Oft ist er so hungrig, dass es ihn schmerzt, Wasser zu trinken. Er kennt nur ein Ziel: den Tag zu überleben.

Er schließt sich einer Gruppe Jugendlicher an, die er noch aus alten Schultagen kennt. Sie irren gemeinsam umher. Immer wieder müssen sie sich in Dörfer schleichen, um Proviant zu klauen. In manchen Momenten vergessen die Jungs das Chaos. Sie basteln sich einen Ball aus einem T-Shirt und spielen im Schatten Fußball, so lange, bis sie der Hunger und die Angst zurückholen in die Realität. In höchster Not vor Verfolgern versteckt sie ein alter Mann in seiner Hütte und versorgt sie über Wochen mit Essen: „Ach, Kinder, dieses Land hat sein Herz verloren“, klagt er.

Auch das lernt Ishmael auf seiner Flucht: Es gibt Menschen, die ihm das Leben retten und dabei ihr eigenes riskieren. Das Gute stirbt auch im Krieg nicht vollständig.

Die Jungs fliehen nach Yele, in einen Ort, der von regierungstreuen Soldaten kontrolliert wird. Nach ein paar Tagen ruft der Lieutenant alle Kinder und Jugendlichen zusammen und sagt: „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ihr eure Familien rächen könnt.“ Truppenführer Jabati schildert, wie die Rebellen die Köpfe von Unschuldigen vor den Augen von deren eigener Familie abgeschnitten haben und wie sie Söhne gezwungen haben, mit ihren Müttern zu schlafen. Nach der Rede sind die Kinder bereit zu kämpfen.

Weiße Kapseln erleichtern das Morden

Die Jüngsten in seiner Einheit sind erst sieben Jahre alt, die ältesten sechzehn. Am ersten Tag bekommen sie olivgrüne T-Shirts, die sie von den Rebellen unterscheiden sollen. Alle, die kein grünes T-Shirt anhaben, sind Feinde. Sie exerzieren ein paar Tage mit den Waffen, dann ziehen sie in den Sumpf.

Ishmael metzelt Rebellen, bis ihm am Abend die Ohren klingeln vom Knallen seines Gewehrs. Bis seine Zeigefinger vom Abdrücken der Waffe wund sind. Aber er kann den Kreislauf von Wut und Rache nicht durchbrechen. Jabati gibt ihm den Spitznamen „grüne Schlange“: „Du siehst nicht gefährlich aus, aber du verschmilzt mit der Umgebung wie eine Schlange, und du bist tödlich, wenn du es sein willst.“

Sie kämpfen um jedes Dorf, um jede Hütte, um jeden Sack Maniok. Ishmael schnieft jeden Tag „Brown Brown“ und schluckt weiße Kapseln, von denen er nie erfahren wird, was sich darin verbirgt. Das Morden wird damit so leicht wie das Laden seines Gewehrs.

Die Einheit wird zu seiner Familie, die AK-47 zu seiner Beschützerin. Über zwei Jahre lang kämpft der mittlerweile 15-Jährige als Kindersoldat, als eines Morgens ein Lastwagen mit vier Männern ins Camp kommt. Sie tragen saubere Jeans und weiße T-Shirts mit großen blauen Buchstaben: Unicef. „Ich bin stolz, dass ich meinem Land mit euch dienen konnte“, sagt Jabati. Sie sollen ihre Waffen abgeben und in die Trucks steigen.

Gemetzel im Kinderheim

Die UN-Leute fahren sie zu einem Heim in der Nähe der Hauptstadt Freetown. Sie wollen aus den Soldaten wieder Kinder machen. In der Unterkunft sind bereits andere Kindersoldaten untergebracht. Was niemand bedacht hat: Manche von ihnen haben auf der Seite der Rebellen gekämpft. Ishmael hat noch seinen Befehl im Ohr: „Von jetzt an töten wir jeden Rebellen — wir machen keine Gefangenen.“

Unversehens stürzen die Gruppen aufeinander. Keiner schreit oder weint. Lautlose, erfahrene Krieger schlachten sich am Esstisch des Rehabilitationslagers ab. Es dauert lange, bis endlich Polizisten mit Maschinengewehren eintreffen, die sich zwischen die Streitenden werfen. Zu diesem Zeitpunkt liegen bereits sechs tote Kinder um den Tisch.

Die Helfer haben unterschätzt, wie aggressiv und traumatisiert die Kinder sind. Vielleicht war es zu naiv zu glauben, man könne Kindersoldaten einfach ihre Kindheit zurückgeben. Vielleicht haben der Krieg und die Drogen alles Gute aufgefressen.

Ishmael erschießt gefesselte Männer

Ishmael und seine Freunde werden in ein anderes Lager gebracht. Sie leiden unter dem Drogenentzug und unter Albträumen. Ishmael kann monatelang nicht schlafen. Die Jungs zerstören die komplette Einrichtung, sie werfen das Essen auf die Betreuer, sie verprügeln die Mitarbeiter. Ein Helfer wird so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus muss.

Doch die Betreuer kommen mit einem Lächeln zurück, auch wenn die Jugendlichen ihnen wehgetan haben. Es scheint, als hätten sie einen machtvollen Pakt geschlossen, die Jungs nicht aufzugeben. „Du kannst nichts dafür“, sagen sie.

Die Krankenschwester Esther versucht, Ishmaels Vertrauen zu gewinnen. Doch der hat sich zurückgezogen hinter eine Mauer des Misstrauens. Seine Gefühle hat er in den blutigen Sümpfen begraben.

„Woher kommen die Narben an deinen Beinen?“, fragt Esther. Ishmael fängt stockend an zu erzählen. Wie er versucht hat, ein Dorf einzunehmen. Jemand schoss ihm aus dem Hinterhalt dreimal ins linke Schienbein. Die ersten beiden Kugeln flogen hinten wieder raus, die dritte blieb stecken. Sie haben keine Medizin. Das rettende Lager ist drei Tagesmärsche entfernt. „Ich möchte, dass ihr alles tut, damit der Junge überlebt“, befiehlt Jabati. Zwei Kameraden riskieren ihr Leben und tragen ihn in einer Hängematte zurück. Ein Arzt operiert ihn ohne Narkose. Ishmael schafft es. Derweil schnappt die Truppe sechs Rebellen, die sich in der Nähe versteckt halten. „Diese Männer sind verantwortlich für deine Wunden“, sagt Jabati. Die Gefangenen stehen gefesselt vor Ishmael. Er erschießt einen nach dem anderen. „Ich habe gesehen, wie die Hoffnung langsam aus ihren Augen verschwand“, sagt er. So wie das Sonnenlicht am Abend.

Esther weint, als sie die Geschichte hört. „Nichts, was passiert ist, ist deine Schuld. Du warst nur ein kleiner Junge“, sagt sie. Es ist das erste Mal, dass er die Worte glauben kann.

Sehnsucht nach Normalität

Sie schenkt ihm einen Walkman und eine Bob-Marley-Kassette. Die Musik erinnert ihn an seine Kindheit. Er sehnt sich nach den weichen Armen seiner Großmutter, nach der Umarmung seiner Mutter, nach dem Lachen seines Vaters, als sie zusammen Fußball gespielt haben, und erinnert sich daran, wie sein Vater ihn mit einer Schale kalten Wassers durchs Haus gejagt hat, weil Ishmael keine Dusche nehmen wollte. Er sehnt sich nach der Hand seines großen Bruders auf seiner Schulter, wenn sie morgens zusammen in die Schule gegangen sind.

Über die Monate baut er langsam Vertrauen zu Esther auf. Auch wenn er ihr seine Zuneigung nicht zeigen kann. Nach neun Monaten beschließen die Betreuer, Ishmael ins Leben zu entlassen. Doch seine Familie ist ausgelöscht. „Ein Bruder meines Vaters soll in Freetown leben“, erinnert er sich. „Ich habe ihn aber noch nie in meinem Leben gesehen.“

Einige Wochen später steht Onkel Tommy im Heim. Die UN-Leute haben ihn gefunden. „Was ist, wenn der Mann nur vorgibt, mein Onkel zu sein?“, denkt Ishmael. Doch Tommy weint. Und Männer in Sierra Leone weinen selten. Sein Onkel besucht ihn jedes Wochenende. „Ich habe dir nicht viel zu geben, nur einen Platz zum Schlafen, Essen und meine Liebe“, sagt er. „Du bist jetzt mein Sohn.“ Ishmael verabschiedet sich von Esther. Sie hat ihm herausgeholfen aus dem Wahnsinn, und er konnte sich nicht einmal bedanken. „Ich habe sie geliebt, aber ich habe es ihr nie gesagt.“

Die Rede des Jungen bei den UN

Ishmael braucht Monate, um sich daran zu gewöhnen, mit Menschen zusammenzuleben, die glücklich sind. Eines Tages ruft einer der Betreuer an und fragt, ob er nicht seine Geschichte erzählen möchte. Vor der Versammlung der Vereinten Nationen in New York. Ishmael fliegt nach Amerika und sieht das erste Mal in seinem Leben Schnee. Er hatte noch nicht einmal das Wort „Schnee“ gehört. Ishmael ist inzwischen 16 Jahre alt. Er stellt sich vor die Menge und sagt: „Ich komme aus Sierra Leone, und das Problem ist, dass der Bürgerkrieg uns Kinder zwingt, unsere Familien zu verlassen und Soldat zu werden. Ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Ich bin kein Soldat mehr. Ich bin ein Kind.“ Viele Abgeordnete haben nach seiner Rede Tränen in den Augen. Zu diesem Zeitpunkt stehen 250 000 Kindersoldaten weltweit unter Waffen.

Wenig später verabschieden die Vereinten Nationen ein Zusatzprotokoll, das die Anwerbung von Kindersoldaten verbietet. Über Hundert Staaten unterschreiben es. Der Internationale Strafgerichtshof beschließt, die Rekrutierung von unter 15-Jährigen in die Liste der Kriegsverbrechen aufzunehmen. Am 29. Januar 2007 wird erstmals die Anklage gegen einen afrikanischen Warlord in Den Haag zugelassen.

Als Ishmael Beah im Oktober 1997 nach Sierra Leone zurückkehrt, holt ihn der Krieg wieder ein. Onkel Tommy stirbt. Ishmael droht erneut eingezogen zu werden. Er flüchtet 1998 aus den Bürgerkriegswirren ins Nachbarland Guinea. Seine Freunde kämpfen noch bis 2002 weiter. Eine Frau aus New York hatte Ishmaels UN-Rede gehört und ihn nach Amerika eingeladen. Ishmael nennt sie heute „Mutter“. Seine erschütternde Biografie stieg auf Platz zwei der „New York Times“-Bestsellerliste ein.

artikel_kindersoldaten.txt · Zuletzt geändert: 2011/11/12 15:05 von janchiller
 
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